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WARUM ICH SCHWEIGE, OBWOHL ICH ETWAS SAGEN WILL - UND WAS MEIN INNERES KIND DAMIT ZU TUN HAT.

16. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Sept.

Und was mein inneres Kind damit zu tun hat


Anita Geißler mit verschränkten Armen, ruhiger Blick nach vorn – für sich einstehen und die eigene Meinung sagen

Wenn man mich von außen sieht, glauben viele, ich sage immer, was ich denke. Dass ich zu mir stehe und stark bin. Eine Macherin halt.


Und ja, das bin ich auch.


In letzter Zeit habe ich ein paar Mal sehr heftig reagiert. Mit viel Wut – stärker, als ich wollte. Ich weiß, dass ich impulsiv sein kann. Ich habe diesem Anteil von mir sogar einen Namen gegeben. Es ist der GRISU. (Ja, der kleine Drache aus dem Fernsehen, der Feuerwehrmann werden wollte – falls die Serie noch jemand kennt… ist ja schon ein bisschen her.)


Aber danach habe ich mich gefragt: Warum war das diesmal so extrem?


Bis ich verstanden habe: Da hat nicht nur die erwachsene Anita reagiert. Aus mir hat mein inneres Kind gesprochen. Und plötzlich ergab meine Reaktion Sinn.




Der Anteil, der still sein musste

Ich beschäftige mich schon lange mit mir selbst. Auch mit der Arbeit mit dem inneren Kind. Und trotzdem habe ich wieder etwas entdeckt, das ich so noch nicht sehen konnte.


Als Kind wurde mir immer wieder signalisiert, ruhig zu sein. Wenn Erwachsene sprechen, redet man nicht rein. Ich wusste genau, wann ich grüßen sollte. Und ich wusste auch, dass Dinge von zuhause nicht weitererzählt werden.


Also habe ich gelernt, meine Umgebung genau zu lesen. Wo darf ich etwas sagen? Wo besser nicht?


Ich war kein ruhiges Kind, aber ich wurde ruhig, wenn es notwendig war. Und genau daraus ist ein Anteil entstanden, der bis heute in mir lebt: Der Anteil, der lieber nichts sagt. Der seine ehrliche Meinung für sich behält. Der lieber lügt, als ehrlich zu sein. Manchmal lügen wir anderen knallhart ins Gesicht. Nicht mit Absicht, sondern aus Selbstschutz. Um andere nicht zu verletzen. Um keinen Streit in der Partnerschaft anzuzetteln. Um Mama nicht zu enttäuschen. Um die Fassade zu wahren, die alle an uns so lieben.


Und ich frage dich jetzt nicht: Kennst du das auch? Du kennst es. Ob Familie, Chef oder Kundin. Notlügen sind die Überlebensstrategie der Erwachsenen.



Still sein oder drüberfahren – dazwischen: nichts

Heute gibt es Situationen, in denen ich eigentlich etwas sagen möchte. Aber ich kenne nur zwei Möglichkeiten:


still sein – und es über mich ergehen lassen. Oder laut werden – und für mich einstehen.


Und es scheint, als gäbe es nichts außer Flucht oder Kampf. Doch da ist noch was: Starre. Na, das sind mal tolle Überlebensstrategien in der heutigen Zeit…


Die vielen Nuancen dazwischen lerne ich gerade. Wie spreche ich etwas an, ohne drüberzufahren und jemanden anzuschreien? Wie setze ich eine Grenze, ohne herzlos zu wirken? Wie sage ich, was ICH will, ohne dass es sich komplett bescheuert anfühlt?



Erkenntnis heißt nicht, dass es sofort erledigt ist

Und jetzt könnte man glauben: Jetzt, wo ich weiß, woher es kommt, ist es automatisch gelöst. Keine Arbeit mehr am inneren Kind. Nie wieder hinschauen. Tja, schön wär's. Das ist definitiv nicht so.


Ich fange gerade erst an zu laufen, und das ist ungewohnt für mich und mein System. Eine Sache ist mir dabei extrem bewusst geworden. Ich werde beschützt. Von wem? Von mir.



Anita Geißler aus Graz hält sich nachdenklich die Stirn, ein Moment der Selbstwahrnehmung – Arbeit mit dem inneren Kind

Das innere Kind und seine Schutzstrategie: „den Mund halten"

Heute weiß ich, dass dieses Stillsein keine zufällige Eigenschaft von mir ist. Es ist nach wie vor ein Schutz.


Als Kind spüren wir sehr genau, was sicher ist und was nicht. Also passen wir uns an. Weil keiner da ist, der uns beschützt.

Für mich bedeutete das irgendwann: Lieber nichts sagen, bevor es falsch ist. Lieber ruhig bleiben, bevor ich auffalle. Lieber beobachten, bevor ich anecke. So lernte mein System, was leichter ist – und dadurch auch sicherer.


Die Lösung scheint simpel: den Anteil einfach loswerden. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass jede Schutzstrategie auch ihre guten Seiten hat.


Bei mir konkret: Ich konnte Stimmungen schnell erfassen. Zwischen den Zeilen lesen. Mich einfügen, wenn es notwendig war. Diese Fähigkeiten begleiten mich bis heute, auch in meiner Arbeit. Sie helfen mir, Menschen fein wahrzunehmen.


Im Moment beobachte ich mich viel. Ich merke schneller, wann dieser Beschützeranteil auftaucht. Wann er mich still werden lässt. Dann versuche ich, die erwachsene Anita sprechen zu lassen. Und das ist manchmal ganz schön beschissen, weil mir einfach die Worte dafür fehlen.


Und dann merke ich da auch eine Traurigkeit in mir. Ein Teil von mir hätte sich damals einfach jemanden gewünscht, der sagt: Sag deine ehrliche Meinung. Du bist in Sicherheit, es kann dir nichts passieren, egal was du sagst. Du bist liebenswert und wirst geliebt.


Was wirklich hinter starken Reaktionen steckt


Anita Geißler mit zurückgelehntem Kopf, sichtlich gelöst – innere Entlastung, wenn alte Schutzmuster sichtbar werden

Wir reagieren manchmal heftiger, als wir uns selbst kennen, weil nicht nur die erwachsene Frau in uns spricht. Auch das Kind, das wir einmal waren.


Wir werden älter. Aber nicht alles in uns wird automatisch erwachsen.

Die Anteile in uns wollen uns schützen. Sie zeigen sich in Form von Triggern.


Ein Beispiel aus dem Alltag: Stell dir vor, eine Kollegin arbeitet chaotisch. Wenn dich das kalt lässt – ist es egal. Aber wenn du merkst, dass es dich innerlich aufregt, du über sie urteilst oder irgendein Gefühl hochkommt, dann lohnt sich ein zweiter Blick.

Und jetzt kommt der wichtige Teil: Nicht auf sie schauen. Auf dich.


Denn es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder zeigt sie dir etwas, das du selbst auch tust – wo bist du manchmal chaotisch? Oder sie zeigt dir genau das Gegenteil von dir – hier bist du auf keinen Fall so wie sie.


Bei mir ist es das Zweite. Chaos macht etwas mit mir. Ich brauche Ordnung und Struktur, weil ich dort Sicherheit finde. Vielleicht übertreibe ich es manchmal mit der Kontrolle, und deshalb fällt es mir bei meiner Kollegin auf. Und genau das ist dann ein Trigger.



Aber was ist ein Trigger?

Ein Trigger ist ein Impuls, der automatisch in dir ausgelöst wird. Etwas trifft dich stärker, als es zur Situation passt. Oft geht es dabei gar nicht um den Moment oder die andere Person. Es ist ein Augenblick, in dem deine Reaktion größer ist als der Anlass.


Trigger sind Hinweise darauf, dass etwas in dir noch Aufmerksamkeit braucht – weil du aus einem inneren Anteil heraus reagierst.


Warum ich dir das erzähle

Weil wir als Erwachsene oft glauben, wir reagieren aus dem Hier und Jetzt. Dabei reagiert manchmal das Kind in uns. Für uns. Nur weil wir erwachsen sind, verschwinden diese Anteile nicht. Sie bleiben. Und sie wollen gesehen werden.


Und genau deshalb reicht es oft nicht, nur an Glaubenssätze zu arbeiten.



Das Ding mit den Glaubenssätzen und Affirmationen greift oft zu kurz

Gerade im mentalen Training wird viel mit Glaubenssätzen gearbeitet. Auch ich tue das. Es genügt allerdings nicht, aus einem Satz einfach eine positive Affirmation zu machen und dann den Satz regelmäßig zu wiederholen

Denn ein Satz verändert nichts nachhaltig, wenn wir nicht verstehen, was darunter liegt. Und wenn ich einen Satz wiederhole, den ich mir selbst gar nicht glaube – wie soll das gehen?


Mein innerer Satz war lange: „Sei lieber still."

Und erst als ich verstanden habe, warum es ihn gibt, konnte ich beginnen, anders damit umzugehen. Vorher war dieser Anteil schlicht überdeckt vom Funktionieren.




Erwachsensein bedeutet nicht, alles perfekt zu machen.

Elefant als Krafttier und Markenzeichen von Anita Geißler

Mittlerweile glaube ich, es geht darum, zu verstehen, welcher Teil in uns reagiert. Die Frau von heute. Oder ein jüngerer Teil, der Schutz sucht.


Das innere Kind loszuwerden, wäre falsch. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, es nicht mehr allein zu lassen.


In dem Moment, in dem wir verstehen, woher unsere Reaktionen kommen, entsteht etwas, das viele Frauen kaum kennen: innere Entlastung. Und – das finde ich so genial – Schritt für Schritt entsteht WAHLFREIHEIT.



Alles Liebe, Anita


 
 

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